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Freude am Erkennen - das Denken als schönstes Vergnügen
Dialektik - Die Gegensätze fügen sich zur Harmonie
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Dialektik
 
 

   Dialektisches Denken lernt man nicht, indem man die Regeln auswendig lernt. Am besten lernt man es, indem man Texte liest, die in dieser Denkmethode verfaßt sind, und indem   man diese dann selbst weiterdenkt. Für Anfänger empfehle ich Denis Diderots "Jaques, des  Fatalist und sein Herr", eine insgesamt vergnüglich zu lesende Erzählung.  Wer Sachtexte bevorzugt, findet in dem Buch "Der Mensch im Kosmos" von Pierre Teilhard de Chardin ein geradezu Lehrstück in Sachen dialektischen Denkens.

  In den folgenden Texten bemühe ich mich, einige allgemeine Regeln des dialektischen Denkens so anschaulich und unterhaltsam wie möglich vorzustellen.

1. Einführung
2.  Das Beispiel Evolution  für den Unterschied zwischen formal-logischer und dialektischer Denkweise
3. Die drei  dialektischen Grundgesetze sagen, wie jede Entwicklung (Evolution, jeder Prozeß, jede Bewegung) abläuft
4. Einheit und Kampf der Gegensätze - Grundgesetz Nr. 1: es sagt, was die Ursache  der Bewegung, der Entwicklung ist
5. Dialektik von Quantität und Qualität - Grundgesetz Nr. 2: es beschreibt, in welcher Art und Weise die Bewegung, die Entwicklung sich vollzieht
6. Negation der Negation   - Grundgesetz Nr. 3: es   verallgemeinert, in welche Richtung Prozesse verlaufen, natürlich nur solche, die als Prozesse im dialektischen Sinn bezeichnet werden ...
7. Die Kategorie der Art und die Kategorie des Grades
8. Teil und Ganzes - die höchste dialektische Erkenntnis  (in Arbeit)
9.  Die Weltformel ist nur im Rahmen der dialektischen Denkmethode denkbar
10. Die drei Erscheinungsformen des Seins: ernst - heiter - scheinbar 
oder die Frage, ob alles in der Geschichte dreimal passiert (als Tragödie, als Komödie und als Illusion)
11. Die Dialektik  (das Wechselspiel) von Ideal und Wirklichkeit  und der dialektische Zusammenhang von Lust und Leid

1. Einführung    Auf vielen Seiten dieser Webseite betone ich immer wieder die Bedeutung des "dialektischen Denkens".  Ich will versuchen, auf dieser Seite eine kleine Einführung in dieses Thema zu geben.   Zur Zeit sind nur einige kleine Texte fertig, doch vielleicht können sie schon einen ersten Einblick geben.  Ich hoffe,  mit der ausführlichen Darstellung bis zur nächsten Aktualisierung am 1. 5. 2007 fertig zu sein.  
2. Das Beispiel Evolution  für den Unterschied zwischen formal-logischer und dialektischer  Denkweise
 Der gegenwärtig so beliebte Streit der Darwinisten und der Kreationisten soll als Beispiel dienen für  Konsequenzen logischer und dialektischer Denkweise.  Im formal-logischen Sinne gilt: wenn einer  recht hat, kann der andere nicht auch recht haben. Es sei denn, beide haben Unrecht. Aber sowohl die Darwinisten als auch die Kreationisten sind felsenfest überzeugt, daß sie recht und die anderen unrechte haben.  ( Ich nenne das "Wahrheits-Dünkel" - er wird noch oft anzutreffen sein.)

   In der dialektischen Denkweise gibt es sogar eine Möglichkeit, den Streit zu schlichten.   Wenn man davon ausgeht, daß beide recht haben und man nun fragt, worin sie recht haben bzw. was beide Ansichten verbinden könnte, ist die Lösung schon sichtbar.
   Hier sei zuvor eine kleine Zusammenfassung des Problems gegeben:
Der Beginn des Streits
   Der Evolutionsgedanke bzw. Entwicklungsgendanke lag in der Luft - die Sicht auf die Veränderungen in den Erscheinungen wurde  immer wichtiger. Da bot sich Darwins Evolutionstheorie geradezu an. Bisherige Schöpfungslehren hatten  gesagt, daß alles so ist, wie es von Gott (bzw. von Göttern oder göttlichen Kräften) "am Anfang" erschaffen worden war: So war es und so blieb es bis auf den heutigen Tag - immer gleich. Dann zeigte sich, daß es in der Natur eine Entwicklung, eine  Veränderung der Lebewesen gegeben hatte. Heute weiß man, daß auch das Universum eine Entwicklung durchläuft.
Die Schöpfung ist evolutionär
    War die Evolution(slehre) anfangs den Kirchenkräften ein Dorn im Auge, haben etliche Theologen inzwischen einen Ausweg aus dem Widerspruch zwischen Kirchenlehre und naturwissenschaftlichem Tatsachenmaterial gefunden. Zum einen nehmen sie die "sieben Tage" der Schöpfung, von denen das Alte Testament berichtet, nicht wörtlich, sondern symbolisch, als Ausdruck, als Bild für eine längere Zeitspanne. Interessant ist, daß diese "sieben Tage der Schöpfung" ja ebenfalls eine Entwicklung erkennen lassen zwischen dem ersten und dem letzten Tag: und diese Entwicklung ist chronologisch, genau parallel zu der tatsächlichen. Diese Übereinstimmung ist  in meinen Augen das eigentlich faszinierende.
 
- creatio continua - die "ständige Schöpfung"?
     Noch einen weiteren wunderschönen Gedanken bieten die  Theologen an: Die Schöpfung ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Es findet sozusagen eine "ständige Schöpfung", eine "creatio continua" statt.
siehe z. B. Jürgen Moltmann "Gott in der Schöpfung": siehe Quellen
- Kreationisten und Darwinisten - ein lächerlicher Krieg
    Gegenwärtig hat diese Frage : "Evolution oder Schöpfung?" in den USA die Form eines bösartigen Krieges angenommen: die "Kreationisten" (die behaupten, daß alles das Werk eines intelligenten Schöpfers ist, mehr oder weniger stark die Bibel wörtlich nehmend) sind auf dem Vormarsch. Ernsthafte Wissenschaftler wehren sich mit aller Macht gegen deren Einfluß.  Die Fronten auf beiden Seiten sind verhärtet, keiner ist bereit, auf die Argumente der anderen  Seite einzugehen. Dieser Kampf wird die Menschen noch lange beschäftigen - ohne daß er auch nur den geringsten Erkenntnisfortschritt bringen wird.

     Beachten Sie bitte die ausgesprochen kämpferische Terminologie: Krieg, Vormarsch, Macht, Fronten, Kampf - und beachten Sie die formal-logische Herangehensweise: etweder - oder, das typische polare Denkschema der formalen Logik.
Man mag es kaum für möglich halten - der Krieg schwappt offenbar über den großen Teich zu uns herüber.





 
     Nun geht es auch in Rußland los und weiter mit diesem "Kampf für die Wahrheit", der in Wahrheit eine ideologische Schlammschlacht ist, da es nicht mehr um Erkenntnisgewinn, sondern nur noch um Rechthaberei geht :
   Die Überschrift ist "Darwin gerät unter Beschuß - Neue Töne in Russland"
Dort hat das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Alexi II., gegen den Darwinismus gewettert.  Er fordert, daß neben Evolutionstheorie an den russischen Schulen die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt werden solle.  Das besondere an der russischen Variante dieses Krieges ist es, daß die dortigen Kreationisten  den Vorteil haben, "die Evolutionstheorie als Relikt  der Sowjetideologie zu diffamieren" .
Es wird ein Physik-Nobelpreisträger zitiert, Witali Ginsburg "Nur Obskuranten können die Evolution leugnen." Doch jetzt wird es ernst: die Zeitung weiß außerdem zu berichten:
"Insgesamt fällt der Protest der Wissenschaftler in Russland leise aus - es scheint riskant, sich mit der Kirche anzulegen."
aus der MZ vom 17. 2. 2007
- aus dialektischer Sicht:
   Wie es scheint, kann es auch keine Lösung geben - es sei denn, man sieht sich diesen  Streit einmal aus Sicht der dialektischen Denkmethode an, dann wird er nämlich ein dummes, albernes Scheingefecht.

    Dialektisches   Denken kann "zwei zu eins machen", kann in diesem scheinbaren Gegensatz das Gemeinsame erkennen:  Schöpfung und Evolution sind nur zwei Sichtweisen, die ein und dasselbe beschreiben, sie sind gedanklich sehr wohl zu kombinieren, ohne daß dadurch "Unwissenschaftlichkeit" heraufbeschworen wird.
mehr darüber auf der Seite "Evolution" in www.brunhild-krueger.de - Klick auf das Bild öffnet die Seite in einem extra Fenster:
zur Seite EVOLUTION in www.brunhild-krueger.de
3. Die drei Grundgesetze
   Wenn Dialektik eine  Denkmethode ist, die Bewegungs- und Entwicklungsprozesse beschreibt, muß sie über diese  Bewegung bzw. Entwicklung zumindest drei Informationen angeben:
1. Was ist die Ursache der Bewegung?
2. Was ist die Art und Weise, in der sich die Bewegung vollzieht?
3. Welche Richtung nimmt diese Bewegung?

Diesen drei Fragen entsprechen die drei "Grundgesetze" der Dialektik:
1. Die Ursache der Bewegung bzw. Entwicklung wird beschrieben durch die Einheit und den Kampf der  Gegensätze ( bzw. Widersprüche als Ursache der Bewegung)
2. In der dialektischen Bezogenheit von Qualität und  Quantität (die im formal-logischen Denken unberücksichtigt bleiben muß)  wird die Art und Weise der Entwicklung erkennbar.
3. Indem "das Negative verneint" wird (Negation der Negation) entwickelt sich alles "zum Besten".
4. Einheit und Kampf der Gegensätze

   Mit diesem Gesetz müssen also erst einmal drei Begriffe geklärt werden:
Was ist ein Widerspruch bzw. ein Gegensatz, was bedeutete Kampf und was ist letztlich Einheit der Widersprüche bzw. Gegensätze ?
  Nicht jeder Widerspruch  und nicht jede Auseinandersetzung ist dialektischer Natur.     Mein Lieblingsbeispiel  hierfür ist immer der Nicht-Biertrinker, der zum "Biergegner" wird - aus welchem Grund auch immer.
Es gibt Unterschiede, die keine Gegensätze sind.
Es gibt "Gegensätze", die erst in ihrer Gemeinsamkeit lebensfähig sind:

Auch der "Gegensatz" zwischen Mann und Frau ist ein solcher dialektischer "Gegensatz" - erst beide zusammen sind das, was mit "Mensch" bezeichnet werden kann: Ihre Unterschiede und Gegensätze sind Ergänzungen, die zusammen den Reichtum der Menschheit darstellen, eine Verabsolutierung nur einer Seite dieses beiden Seiten des Menschseins führt in die Katastrophe ...


    Das Typische des dialektischen Gegensatzes ist es, daß es in ihm Phasen gibt, in dem die Distanz, die Trennung, der Widerspruch bestimmend ist, und dann wieder gibt es Phasen, in denen die Annäherung, die Verbindung bzw. Synthese, die Einheit im Mittelpunkt stehen. Die "Emanzipation der Frauen"  war der erste Schritt, der den Gegensatz bzw. Widerspruch aufbrechen ließ, wenn es nun wieder zur Annäherung der Geschlechter kommt, wird diese "in neuer Qualität" erfolgen: es gibt kein "Zurück in alte Beziehungen".  Die neue Beziehung der Geschlechter, die jetzt im Entstehen ist, wird eine freiere, kreativere, qualitativ höherwertige Beziehung sein, als es alle bisherigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen waren.

   Aus dem Wissen um diese dialektische Gesetzmäßigkeit ergibt sich somit auch die Basis für Zukunftsoptimismus, für Hoffnung und Vorfreude.
In diesem Sinne ist Dialektik auch eine Denkmethode, die Freude ausstrahlt!

 
5. Dialektik von Qualität und Quantität

"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." ist ein typischer Denkfehler aus dialektischer Sicht:
"Mehr" und "weniger" sind Begriffe, die Quantitäten vergleichen.  Auch eine Summe ist ein Begriff aus quantitativer Sicht.  Man kann es vergleichen  mit einem Sandhaufen: die Masse des Sandes ist die Summe der  Massen der einzelnen Sandkörner. Doch ein Sandhaufen ist kein "Ganzes", er kann ständig vergrößert oder verkleinert werden, ohne daß das "Prinzip Sanhaufen" darunter leidet. Ein Sandhaufen ist kein "System", kein "Ganzes" in dem Sinne, wie es der Spruch oben meint.  Seine Teile sind nicht wirklich unterschiedliche in  Funktion und Beziehung zueinander.
Richtig wäre obiger Spruch in folgender Form: Das Ganze ist eine ganz andere Qualität (!) als die Summe der Teile. In einem solchen Ganzen, einem System (z. B. einem lebenden Organismus) verliert das Ganze an Qualität, wenn auch nur ein einziges Teil entfernt wird. Jedes Teil ist anders  strukturiert, funktioniert anders. Jede Teil-Funktion dient dem Ganzen. Ich sehe, weil meine Augen sehen. Ich laufe, weil meine Füße mich tragen. Ein  echtes Ganzes benötigt die "Individualität" seiner  Teile.

    Auch Menschengruppen können wie ein Sandhaufen aus lauter Einzelpersonen bestehen, ohne deshalb schon "ein Ganzes" zu sein: dieses "Ganze", diese neue Qualität erreichen sie nur, wenn zwischen den einzelnen Menschen dieser Gruppe Beziehungen, Gemeinsamkeiten, Verbindungen bestehen:
beispielsweise können das familiäre Beziehungen sein oder die Beziehungen, die in einer Fußballmannschaft, einer Arbeitsgruppe oder einem Orchester entstehen.

    Ein weiteres Beispiel zur Dialektik von Qualität und Quantität ist die Frage:
 nach der Lebensqualität  und der Lebensquantität: wie lange möchte ich leben und in welcher Qualität möchte ich leben. Die meisten Menschen möchten natürlich ein möglichst langes Leben bei guter Lebensqualität, andererseits möchte kaum jemand eine Lebensverlängerung "um jeden Preis", selbst um den  des totalen Pflegefalls.

Weitere Beispiele zur Dialektik von Quantität und Qualität wären:
Wann ist der Teig noch Teig beim Backen, ab wann ist er Kuchen?
Wann ist aus dem Quark Käse geworden?

6. Die Negation der Negation
  Die "Negation der Negation" gibt an, in welche Richtung die Entwicklung geht: vom Niederen zum Höheren, vom Einfachen zum Komplexen, vom  weniger tauglichen zum immer tauglicheren .
 
    Ein konkretes Anwendungsbeispiel für dieses allgemeine dritte dialektische Grund-Gesetz ist das von Darwin entdeckte Gesetz der Anpassung.

Negation meint "Verneinung". Negation der Negation meint die "Verneinung des Negativen": die ungeeigneten Eigenschaften werden "verneint" , aussortiert, sie vererben sich nicht weiter. Die positiven, brauchbaren Eigenschaften   werden "ausgelesen", weitergegeben.

Negation der Negation bedeutet, daß die Entwicklung damit immer komplexer, immer "besser" wird. Sie bedeutet auch das "Aufheben" des Alten.
     Dieses Wort "aufheben" liebe ich besonders, denn es hat im dialektischen Sinne drei Bedeutungen, die sich alle in diesem Gesetz widerspiegeln:

1. Aufheben im Sinne von "aufbewahren": das Alte wird nicht einfach beiseite getan, es bleibt erhalten.

2. Aufheben im Sinne von "nicht mehr existieren": eine Tafel wird "aufgehoben", beendet, ein Gesetz wird - wenn es nicht mehr benötigt wird - "aufgehoben": das Alte wird "sortiert": das Brauchbare bleibt, das nicht mehr benötigte wird überwunden, abgeschafft, zerstört, ...

Hier kann sich das erste Problem zeigen:
Man darf nicht denken, daß das Alte per se "schlecht" ist , wenn es in diesem Sinne "aufgehoben" wird:
Bertolt Brecht sagt im "Leben des Galilei"
"Das Alte sprach: so, wie ich bin, bin ich seit je.
Das Neue sprach: bist du nicht gut, dann geh."
Das ist formal-logisch gedacht.

Die dialektische Sicht sagt:  (auch) das Gute muß ständig verbessert werden, wenn es nicht eines Tages schlecht (im Sinne von nicht mehr brauchbar) werden soll.

Ein anderes Beispiel für die Veränderung in diesem Sinne ist die Entwicklung der Kirschblüte zur Kirsche:
die Kirschblüte ist keine "schlechte" Kirsche, doch wenn sie sich nicht weiterentwickelt zur Kirsche, stirbt die Blüte. Die Kirschblüte ist vollkommen in sich und sie ist gleichzeitig die noch unvollkommene Kirsche. Das ist ein sehr anschauliches Beispiel für die Dialektik des realen Lebens.

3. Aufheben im Sinne von "auf höherer Stufe fortsetzen":
Die   Entwicklung des Lebens, des menschlichen Geisteserfolgt(e) dialektisch: vom Niederen zum Höheren. Auch in der Geschichte der Menschheit erlebt man dieser Höherentwicklung, z. B. der individuellen Freiheit, der Kultur, der Vernetzung der Menschheit ...

    Friedrich Engels selbst beschrieb daher die Entwicklung als  "spiralförmig": weder rein linear (aufwärts oder abwärts) noch kreisförmig (sich im Grunde gleichbleibend) sondern in der Form, daß in scheinbaren Wiederholungen doch die Höherentwicklung sichtbar wird. Dazu gehören auch scheinbare Rückschläge, ein "Zurückgehen" in der Entwicklung, wenn beim ersten Versuch  noch nicht alles gut ausging usw. 
Das Darwinsche Prinzip der Anpassung und Auslese ist also nur ein Spezialfall dieses dialektischen Grundgesetzes.

Die religiöse Forderung "Buße zu tun,  sich  zu bessern",  ist es auch.


Selbst in dem umstrittenen
"Alles wird gut" versteckt sich dieses allgemeinere Gesetz.

Doch es steht in extremem Widerspruch zur Aussage der Physik (Entropiesatz), daß Chaos, Unordnung und Zerstörung die eigentliche Tendenz aller "sich selbst überlassenen" Systeme ist.





Im Streben nach Vollkommenheit kommt das Wirken dieses dialektischen Grundgesetzes besonders schön zum Ausdruck: Der Mensch strebt nach Perfektion, Vervollkommnung, Verbesserung. Leistungs-Streben, Streben nach künstlerischer Vollkommenheit oder technischer Perfektion - alles das sind Beispiele und Ausdruck des Wirkens der "Negation der Negation".
7. Die Kategorie der Art und die Kategorie des Grades
Diese beiden "Kategorien" spielen eine ganz besondere Rolle in der Wissenschaft, speziell in der Physik. Besser gesagt ist es die Tatsache, daß mangels dialektischem Denken alle Begriffe im Sinne der "Kategorie der Art" aufgefaßt werden, auch dann, wenn es sich um einen  Begriff handelt, der entsprechend der Kategorie des Grades betrachtet werden muß.

Am  Beispiel der Farben schwarz, grau und weiß läßt sich am einfachsten veranschaulichen, welchen Sinn und Nutzen diese Kategorien haben:

Die Kategorie der Art kennt nur "schwarz" und "weiß" - den Gegensatz.  In dieser Begriffswelt gibt es nur "Da-Sein" oder "Nicht-Da-Sein'": z. B. ist "schwanger sein"  ein solcher Zustand bzw. Begriff: es gibt kein "Dazwischen".
Wenn man nur in diesen Begriffen argumentiert, verkommt die Aussage leicht zur "Schwarz-Weiß-Malerei". Das praktische Leben hat mehr bereit als nur zwei Pole, es gibt immer auch ein "Dazwischen".


Im Beispiel von Schwarz-Weiß sind es die Grautöne, die in einem Kontinuum der Farbhelligkeit alle Nuancen zwischen Schwarz und Weiß einnehmen können. Man kann sagen: im Grau sind die Farben schwarz und weiß "graduell ausgeprägt". Die Grautöne sind also erfaßbar  und beschreibbar als "Kategorie des Grades"  von schwarz und weiß.

Hier verknüpfen sich beide Kategorien, denn natürlich hat die "Kategorie des Grades" zur Voraussetzung, daß es die "Kategorie der Art" von "etwas" gibt. Das Nichts ist auch nicht graduell erfaßbar.

Begriffe, die der Kategorie des Grades entsprechen, sind die graduell ausgeprägte Dichte einer  Substanz bzw. der Materie (die zwischen Leere und dichtester Masse), die Temperatur (im wahrsten Sinne des Wortes, als Maß für die graduell unterschiedliche Menge an gespeicherter Wärmeenergie),  die Helligkeit (die zwischen absoluter Dunkelheit und extremster Lichtfülle unterschiedliche stark sein kann). Auch  ganz allgemein Kräfte, Energien,Wachstumsprozesse bzw. alle kontinuierlich variablen Größen sind  als Kategorien des Grades erkennbar.

    Wenn das Auftreten dieser beiden Kategorien des Seins ganz allgemein, überall und immer, zu beobachten ist, muß ich eigentlich in jeder Erscheinung nur noch fragen:
Was  entspricht der Kategorie der Art, was entspricht der Kategorie des Grades?
Schon allein dadurch, daß ich diese Frage überhaupt stelle, kann ich Antworten erhalten, Erkenntnisse über die Welt gewinnen, die  mir ansonsten wohl verborgen blieben.


siehe z. B. in Logik Punkt 5., in dem es um die polare  und die duale Gegensätzlichkeit geht
Ein Beispiel für die Kategorie des Grades, das Erkennen selbst betreffend
 Wiederholung ist die Mutter der Weisheit - Verstehen als Begriff der Kategorie des Grades
  Auch ein Begriff kann unterschiedlich tief ("graduell") verstanden sein, somit kann ich Begriffe unterschiedlich "scharf" oder "unscharf" verinnerlicht haben. Das ist eine normale Entwicklung des Begreifens insgesamt.  Meine Erkenntnis über das Bezeichnete "verdichtet" sich.
   Dieser Erfahrung sollte in der Ausbildung - egal ob Schule oder Universität - stärker Rechnung getragen werden. Meist wird Wissen jedoch nur einmal angeboten - wer ein gutes Gedächtnis hat, speichert die Worte ohne sie zu verstehen und gibt sie bei Bedarf wieder von sich.  Wer mehr Zeit für das Begreifen benötigt, hat Pech gehabt.

Es gibt eine andere Art der Wissensvermittlung als die in der Schule praktizierte:
die Weitergabe des Wissens von der Mutter auf die Tochter über Hausarbeit z. B. oder auch die praktische Lehre in einem Handwerk (learning by doing) funktioniert völlig anders und unter Berücksichtigung dieser Notwendigkeit der Erkenntnis-Verdichtung. Hier das Beispiel Hausarbeit:
mit jeder Wiederholung einer bestimmten Tätigkeit - beispielsweise dem Kuchenbacken - prägt sich das Kind einen Teil des neuen Wissens ein, während das alte Wissen gefestigt wird. Das Kind probiert selbst aus, erkennt also von sich aus, wo es etwas noch nicht weiß, und kann aktiv die Fragen stellen, den nächsten Lernschritt gehen. Durch diese Form des Lernens wird eine wesentlich höhere Effektivität erreicht als durch die klassische Form des ungefragten Eintrichterns von Fakten.    Es kommt weder zu einer Über- noch zu einer Unterforderung, da die Mutter (der Lehrmeister) in Rückkopplung zum erreichten Wissensstand des Kindes bzw. Lehrlings stehen.
8. Teil und Ganzes
Das Teil spiegelt das Ganze, im Teil spiegelt sich das Ganze.
Dieser Satz dürfte die umfassendste dialektische Erkenntnis überhaupt sein.

   Vorerst will ich ihn an einem Beispiel aus der Biologie veranschaulichen. Teil der Evolutionslehre ist der Satz:
"Die Onthogenese ist die verkürzte Rekapitulation der Phylogenese."
- oder auf deutsch:
Das Individuum macht in seiner biologischen Entwicklung vom Keim bis zum fertigen Exemplar verkürzt die stammesgeschichtliche Entwicklung seiner Art durch.
Damit ist auch dieser Satz nur ein Anwendungsbeispiel, eine Konkretisierung der allgemeineren dialektischen Grunderkenntnis:
Das Teil spiegelt das Ganze, das Ganze spiegelt sich in seinen Teilen.

Mit anderen Worten, auch hier kann man sich das Erkennen erleichtern, wenn man methodisch vorgeht und sich bei allen beobachteten Phänomenen fragt:
Wie sieht es in einer konkreten Erscheinung mit der Dialektik, dem  Wechselbezug von Teil und Ganzem aus?

   Anwendbar wäre diese Frage  nicht nur auf physikalische  Phänomene (Hologramm, atomare Struktur der Materie, Wellenerscheinungen usw.) sondern z. B.  auch auf die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft (in aktuell existierenden und historischen Gemeinschaften, aber auch in verschiedenen Kulturkreisen).
  Im speziellen könnte man unter diesem Blickwinkel von  Teil und  Ganzem nach der Wechselbeziehung zwischen Arterhaltung und Selbsterhaltung, zwischen Altruismus und Egoismus fragen.
9.  Die Weltformel
   Wenn die allgemeinsten Gesetze der Erkenntnis dialektische Gesetze sind, ist es logisch und folgerichtig, daß die Weltformel nur im Rahmen der dialektischen Denkmethode zu finden ist.  Diesem Thema habe ich einen ganzen Abschnitt in meiner WEB-Seite www.eine-weibliche-physik.de (EWP) gewidmet.
Link zum Thema Weltformel in "EWP":
zur WEB-Seite www.eine-weiblich-physik.de, zur Seite über die Weltformel
10. Die drei Erscheinungs-Formen des Seins -
- ernst , heiter und scheinbar  
   Es heißt, in der Geschichte passiere alles zweimal: beim ersten Mal als Tragödie, beim zweiten Mal als Komödie.  In diesem kleinen Bonmot steckt viel mehr Wissen um die allgemeinsten Bedingungen des Seins (der Wirklichkeit, der Realität, der Welt, der Materie),  als auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Ich lese z. B. daraus:
- Die Wiederholung eines Ereignisses erreicht niemals die gleiche Tragik wie das ursprüngliche Ereignis. (Mit Tragik  meine ich hier die Art und Weise, in der das Ereignis im menschlichen Bewußtsein bewertet, reflektiert, wiedergespiegelt, wahrgenommen wird: das leidvolle Erleben.)
- Das Ereignis selbst hat bei seiner Wiederholung nicht mehr die gleichen ungewollten bzw. schädlichen Nebenwirkungen wie beim ersten Mal. Bei dieser Ausssage setze ich  an die Stelle des Begriffs "Tragödie" den Begriff der "Katastrophe"  und verstehe darunter ein Ereignis mit schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Natur.  An einem Beispiel will ich es versuchen zu erklären: Ich versuche, Fahrrad fahren zu lernen und stürze, schlage mir die Ellenbogen und die Knien wund. Beim zweiten Versuch, der wieder mit einem Sturz endet, bin ich vorbereitet und kann den Sturz abfangen. Schließlich lerne ich, ganz ohne Stürze auszukommen.
- In diesere Aussage von der Wiederholung eines Ereignisses als Komödie erkenne ich auch die allgemeinere Aussage vom Verlauf der Entwicklung ganz allgemein: vom Niederen zum Höheren heißt auch, daß die Ereignisse immer mehr ihre befriedigende  und Freude auslösende Wirkung entfalten können.

Doch was hat es nun mit dem "Scheinbaren", mit der "Illusion" auf sich?
Auf diese dritte Version der Erscheinungen in der Wirklichkeit stieß ich in einem Aufsatz von Robert Havemann aus den 50er Jahren: er warnte davor, die "Gesetze des Scheins" außer acht zu lassen. Seitdem versuchte ich, herauszubekommen, was er damit meinte und beobachtete alles auch unter diesem Aspekt: wo zeigt sich in der Wirklichkeit das "Gesetz des Scheins" - wo geschieht etwas "scheinbar"?
Erstes Beispiel: im Theater, im Spiel geschieht alles "nicht wirklich" und doch auf einer  gewissen Ebene wirklich. Auch, wenn jemand einem anderen etwas "vorspielt", etwas heuchelt (Liebe oder Bewunderung z. B.), sind Schein und Illusion im Spiel. Andererseits brauchen wir diese "Welt des Scheins"
Die Gegenwart ist mit Mode, Computer- und Spielewelt ("Second Life" z. B.) , aber auch mit der Abstraktionsebene in der Naturwissenschaft und Schulbildung sowie dem Vor-der-Wahl-nach-der-Wahl-Gerede vieler Politiker immer mehr in eine Scheinwelt geraten.

Wie gesagt, beim Nachdenken über diese  Rolle des "Scheins" in unserem Erkennen bin ich noch ganz am Anfang.
Eine wesentliche Hilfe waren mir  hierfür bisher vor allem Erkenntnisse der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth, die über die Rolle von Theater,  Tanz und Spiel  in matriarchalen Kulturen (der spielerischen Vorwegnahme real möglicher Ereignisse in einer "Schein"-Welt,  dem Tanzplatz) schrieb. Heutige Psychologie hat ähnliches ja wieder entdeckt, egal ob es um mentales Training, Coaching oder Rollenspiel  in Selbsthilfegruppen geht.

Doch auch eine "Idealwelt", eine "Utopie"  gehören in diese   Betrachtung über Schein und Sein. Hier ein Beispiel:
 
11.  Die Dialektik, das Wechselspiel von Ideal und Wirklichkeit ...
  Der Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit ist die spannendste Gegensätzlichkeit überhaupt und ihre dialektische  Darstellung dürfte überraschen. Ich stelle einige  Gedanken thesenhaft zur Diskussion:

    Am besten zeigt sich dieser Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit im Streben nach Vollkommenheit. Menschen, die formal-logisch versuchen, diesen Gegensatz "in den Griff zu bekommen", streben nach "Perfektion".
Perfektion ist "Schein-Vollkommenheit". Im  Versuch, "perfekt" zu sein, leidet der Mensch: da er das Ideal nicht erreicht, fühlt er sich immer "unperfekt" , "unvollkommen" , als "Versager". Der Prozeß der "Perfektionierung" ist voller Energieverluste aus diesen negativen Emotionen, der Weg selbst wird als störend-langwierig-unangenehm empfunden, nur das Ergebnis zählt, das es möglichst schnell zu erreichen gilt. Ein anderes Wort für diese Perfektionierungssucht ist Leistungsdruck.

Im Streben nach Vollkommenheit genieße ich die Weiterentwicklung meiner Fähigkeiten, wird "der Weg zum Ziel", zum Selbstzweck.  Ich freue mich über jeden Fortschritt, den ich auf diesem Weg erreiche. Das Ziel, das Ideal selbst stimuliert mich, gibt mir Energie, Schwierigkeiten zu überwinden, nicht nachzulassen in meinen Bemühungen. Die Zeit ist in diesem Prozeß sekundär: was ich heute nicht geschafft habe, versuche ich morgen, immer wieder, immer wieder neu, immer wieder mit Freude, bis ich es geschafft habe (z. B. so, wie ein Kleinkind laufen lernt).
 
... und  das dialektische Spannungs-Verhältnis von Lust  (Freude) und Leid
   Wie man sieht, kann der gleiche Prozeß des Lernens und der Weiterentwicklung von einem Menschen einmal als lustvoll und einmal als leidvoll erlebt werden: es kommt nur auf seine Sichtweise an.

Alles geben die Götter ihren Lieblingen ganz:
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Leiden, die unendlichen -
Alles ganz.
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